Etwa ein Drittel aller Unfälle geschieht im Haushalt. Gerade Kinder sind in ihrem Spiel- und Entdeckungsdrang besonders gefährdet, da sie Gefahrenquellen noch nicht richtig einschätzen können. Produktsicherheitsexperte Mirko Mückenheim vom TÜV Thüringen – selbst Vater eines einjährigen Sohnes – gibt Eltern wertvolle Tipps, damit den Jüngsten im häuslichen Umfeld nichts passieren kann. Eine Kindersicherung für die Steckdosen haben junge Eltern meist noch im Blick, doch Verletzungsgefahren lauern überall: kippende Möbel, verschluckbare Kleinteile oder auch Klemmstellen an Schranktüren und Zimmertüren können nicht nur dicke Tränen verursachen, sondern auch zu ernsthaften Verletzungen führen. Wenn die Kleinsten auf Entdeckungstour gehen, sollten Eltern sie nie unbeaufsichtigt spielen lassen, rät der Experte aus eigener Erfahrung.  


Was sollte man beim Aufstellen von Regalen, Kommoden und Schränken beachten und wie können diese gegen ein Umkippen gesichert werden? 

„Generell müssen Möbel für den Wohnbereich in Deutschland mindestens die Anforderungen der europäischen Norm EN 14749:2016 erfüllen. Die Norm definiert dabei auch Kriterien für die Standsicherheit von Möbeln wie Schränken oder Kommoden. Standsichere Möbel sind gerade dann besonders wichtig, wenn kleine Kinder im Haushalt sind. Wurde vom Hersteller eine Wandbefestigung mitgeliefert und ist diese laut Produktbeschreibung ausdrücklich zur Kippsicherheit erforderlich, muss das Möbelstück mit Hilfe der Befestigung mit der Wand verbunden werden. Auch Möbel, die keine Wandbefestigung haben, sollten von umsichtigen Eltern auf ihre Standsicherheit überprüft werden. Als Faustformel werden Möbel beziehungsweise Möbelbauteile ab einer Höhe über 35 Zentimeter und einer Masse von mehr als 35 Kilogramm sowie ab einer Höhe von über 90 Zentimeter und einem Gewicht von mehr als 10 Kilogramm als gefährlich angesehen. Zur eigenen Sicherheit können kippanfällige Möbelstücke mit Zubehör aus dem Baumarkt gesichert werden. Oftmals reicht ein kleiner Stahlwinkel. Die Verbindung zwischen Möbelstück und Wand sollte dabei möglichst weit oben am Schrank angebracht sein. Bei der Auswahl der richtigen Wandverbindung, also geeigneten Schrauben, Dübeln und Winkeln helfen die Fachleute im Baumarkt gern weiter. In jedem Fall ist darauf zu achten, dass die Verbindungselemente für den entsprechenden Wandaufbau geeignet sind. Die Wandbefestigung selbst muss einer Kraft von 200 Newton, also zirka 20 Kilogramm standhalten. Möbel, die kleiner als 60 Zentimeter sind, werden in der Regel als standsicher angesehen und benötigen keine feste Verbindung zur Wand. Allerdings können auch niedrige Couchtische eine Gefahr darstellen, wenn sie mit einer Glasplatte ausgestattet sind: Schon Kinder im Krabbel- und Lauflernalter können mit Spielzeugen wie Holzbausteinen erstaunliche Kräfte entwickeln. Esstische und andere Möbel mit spitzen Kanten können mit speziellen Ecken- und Kantenschutzvorrichtungen aus dem Handel versehen werden. Allerdings sollten Eltern auch hier einen wachsamen Blick auf die Kleinen haben, denn auch das Entfernen solcher Schutzelemente kann von manchen Kindern als Spiel betrachtet werden. Die eigentlich zum Schutz gedachten Ecken werden gerne in den Mund genommen und könnten aus Versehen verschluckt werden.“

Vorsicht Quetschgefahr: So schützen Sie Schubladen und Schranktüren vor neugierigen Blicken. 

„Es ist immer gut, wenn man Gefahren von vornherein vermeiden kann. Daher sollten potenziell gefährliche Dinge wie etwa Reiniger, Messer oder Elektrogeräte unbedingt außer Reichweite von Kindern aufbewahrt werden. Schubladen und Türen von Möbelstücken faszinieren Kinderaugen bei ihrer Entdeckungsreise durch die Wohnung. Die Neugier ist dabei oft größer als manchen Eltern lieb ist: Viel zu schnell geraten Kinderhände zwischen Spalten und werden eingequetscht. Mehrere Schubkästen übereinander könnten die kleinen Entdecker als Treppe nutzen, um nach oben zu klettern. Schranktüren und Schubladen sollten daher wann immer möglich abgeschlossen werden – was natürlich nur dann etwas bringt, wenn auch die Schlüssel sicher verstaut werden. Wenn dies nicht möglich ist, sollten die beweglichen Elemente anderweitig vor neugierigen Blicken und Händen gesichert werden. Hierfür bietet der Handel zahlreiche Kindersicherungssysteme für Schränke und Schubläden an. Alternativ können Schubladen oder Türen auch temporär demontiert werden. Eher ungeeignet und wenig praxisnah ist die Verwendung von Klebeband zur Sicherung von Schranktüren und Schüben. Dennoch sollten Eltern ihre Kinder nicht in Watte packen. Der Umgang mit Auszügen und Schranktüren muss unter Aufsicht altersgerecht erlernt werden.“

Stromschlag: Kindersicherung für Steckdosen verhindern ein böses Erwachen. 

„Stromführende Teile sind nicht nur für Kinder eine lebensbedrohliche Gefahr. Dennoch sind Kinder besonders gefährdet, denn sie können diese potenzielle Gefahr nicht erkennen. Daher ist es wichtig, dass Steckdosen spätestens ab dem Krabbelalter entsprechend abgesichert sind. Es gibt verschiedene Kindersicherungen für Steckdosen. Die praktischste Variante ist die Drehsicherung, bei der die Kindersicherung so konstruiert ist, dass die Steckdose hinter einer drehbaren Scheibe weiter nutzbar ist. Eingeschraubte Varianten sind dabei eingeklebten Modellen vorzuziehen, weil sie auch beim Herausziehen des Steckers mit Sicherheit an ihrem Platz bleiben. Alternativ dazu gibt es auch steckbare und verschließbare Sicherungen, die vor jeder Nutzung der Steckdose entfernt werden müssen. Bei diesen Modellen ist unbedingt darauf zu achten, dass diese nicht achtlos liegen gelassen werden: Kinder könnten auch diese Teile in den Mund nehmen und verschlucken. Nach der Nutzung der Steckdose darf nicht vergessen werden, die Kindersicherung wieder anzubringen. Keinerlei Schutz bieten hingegen Steckdosen mit Klappdeckel. Kinder kommen sehr schnell dahinter, wie sich der Deckel öffnen lässt. Steckdosen mit ab Werk eingebauter Kindersicherung lohnen sich meistens nur bei Wohneigentum. Der komplette Austausch ist aufwendig und ein Nachrüsten muss in jedem Fall von einem Fachmann ausgeführt werden. In der Mietwohnung muss nach dem Auszug der Urzustand wieder hergestellt werden. Wer in der Kinderplanung steckt und seine Wohnsituation entsprechend anpassen möchte, kann kindersichere Steckdosen an relevanten Stellen aber von Anfang an bei der Elektroplanung berücksichtigen.“  

Spielunterlagen können vor einem harten Aufschlag schützen. Darauf sollten Sie jedoch achtgeben.

„Gerade im Lauflernalter fallen Kinder immer wieder auf den Hosenboden. Ein weicher und wärmender Untergrund ist da von Vorteil. Auslegware ist ein optimaler Bodenbelag, da hier Rutschhemmung und zumindest ein gewisser Fallschutz aufeinander treffen. Wer in seiner Wohnung keinen Teppichboden verlegt hat, kann durch große und nicht zu leichte Teppiche oder dämpfende Unterlagen Abhilfe schaffen. Decken als Unterlage können hingegen gefährlich sein. Vor allem kleine Kinder können sich darin einwickeln und nicht mehr herauskommen. Im schlimmsten Fall droht ein Ersticken durch zu geringe Luftzufuhr. Bei kindergerechten Unterlagen sollten Eltern unbedingt die Altersbeschränkung beachten. So sind beispielsweise die belliebten Puzzlematten in der Regel erst für Kinder ab 3 Jahren geeignet. Kleinere Kinder nehmen Dinge gern in den Mund und beißen darauf herum. Kleinteile könnten sich lösen und verschluckt werden. Bei der Anschaffung von kindgerechten Spielunterlagen oder Teppichen sollten Eltern ein waches Auge haben und lieber Wert auf die chemische Sicherheit der Materialien als auf den Preis legen. Unabhängige Prüfzeichen oder Zertifikate geben sicheren Aufschluss und sollten bei der Kaufentscheidung berücksichtigt werden.“ 

Türen sind für Kinderhände eine enorme Gefahr. So verhindern Sie Quetschungen für kleine Finger.

„Türen sind für kleine Kinderfinger potenziell gefährlich. Eine zufallende Zimmertür kann schnell zur Quetschfalle werden. Für den Fingerklemmschutz gibt es spezielle aufsteckbare Türstopper, die ein Zufallen der Tür effektiv verhindern können. Diese lassen sich am Türblatt befestigen und sollten in einer Höhe platziert werden, die außerhalb der Reichweite des Kindes liegt, zum Beispiel direkt oben auf der Tür. Der wesentlich gefährlichere Teil der Tür befindet sich auf der Scharnierseite. Wenn die Finger hier dazwischen geraten, kann es zu schwersten Verletzungen bis hin zum Abscheren kommen. Daher ist in Kitas an dieser Stelle ein Reingreifschutz vorgeschrieben. Solche speziellen Fingerschutzvorrichtungen gibt es inzwischen auch für den häuslichen Anwendungsbereich. Mobile Türstopper oder Türkeile auf dem Fußboden sind dagegen eher ungeeignet, da Kinder diese gern weg tragen und damit spielen wollen. Außerdem besteht die Gefahr, dass die für kleine Kinderhände ziemlich schweren Metallgewichte beim Herumtragen auf die Füße fallen. Glastüren sind besonders tückisch, denn zur Einklemmgefahr kommt hier noch das Risiko eines Zusammenstoßens mit der geschlossenen Tür. Diese sollten daher stets weit geöffnet bleiben, solange die Kinder im Umgang mit Türen noch nicht geübt sind und sich häufig rennend durchs Haus bewegen."

 

Neben all diesen wichtigen Vorkehrungen müssen Eltern auch in der Küche besonders vorsichtig sein, wenn Kinder beim Kochen und Backen zusehen und mitmachen wollen. Hier lauert in nahezu jedem Winkel eine Gefahr: Messer, Reiniger, Geschirrspültabs und diverse spitze und scharfe Gegenstände müssen daher gut geschützt verstaut und außerhalb der Reichweite der Kinderhände verwahrt werden. Gerade beim Kochen möchten Kinder oft wissen, was außerhalb ihres Blickfeldes passiert. Chromglänzende Töpfe und Pfannen ziehen die Blicke magisch an. Spätestens wenn Kinder versuchen, sich an Küchenmöbeln hochzuziehen, auf ein heißes Kochfeld zu fassen oder nach einem überstehenden Pfannenstil zu greifen, wird es richtig gefährlich. Auch der heiße Backofen stellt natürlich eine Gefahr dar. Ab einem Alter von zwei bis drei Jahren werden auch Fenster immer interessanter. Die beste Lösung sind hier mit einem Schlüssel verschließbare Fenstergriffe. Diese lassen sich einfach nachrüsten und sollten zumindest im Kinderzimmer angebracht sein.