Deutschland hat sein Ziel, die Zahl der Verkehrstoten von 2010 bis 2020 um 40 Prozent zu senken, verfehlt. Im Jahr 2019 gab es 3.046 Verkehrstote in Deutschland. Der TÜV Verband sieht insbesondere beim Schutz von Radfahrer:innen und Zufußgehenden einen dringenden Verbesserungsbedarf.

Richard Goebelt, Geschäftsbereichsleiter Fahrzeug und Mobilität des TÜV-Verbands (VdTÜV), äußert sich anlässlich der heute vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Unfallzahlen 2019 in Deutschland: „In Sachen Verkehrssicherheit hat sich in Deutschland in den vergangenen fünfzig Jahren vieles zum Guten gewendet. Das sehen wir auch an den heute veröffentlichten Unfallzahlen: Im Straßenverkehr starben 2019 so wenige Menschen wie nie zuvor in Deutschland. Trotzdem ist jeder Einzelne der 3.046 Getöteten noch einer zu viel. Und auch die Zahl der Verletzten war 2019 mit 384.000 unfassbar hoch. Die nun veröffentlichten Zahlen machen deutlich, dass noch einiges getan werden muss, um den Straßenverkehr für alle Verkehrsteilnehmer sicher zu gestalten.“

In 2020 geht die positive Entwicklung grundsätzlich weiter. Von Januar bis April 2020 verzeichnete die Polizei insgesamt rund 706200 Straßenverkehrsunfälle: Im Vorjahresvergleich ist das ein Rückgang um knapp 17 Prozent. Insbesondere im April ging die Zahl der Unfälle stark zurück: Das deutlich niedrigere Verkehrsaufkommen aufgrund der Corona-Pandemie sorgte dafür, dass die Gesamtzahl der Straßenverkehrsunfälle um 35 Prozent sank. Dabei ging die Zahl der Verkehrstoten im Vergleich zum ersten Quartal 2019 um 11 Prozent zurück. Radfahrer:innen sind trotz des geringen Verkehrsaufkommens weiterhin besonders gefährdet. Erste Zahlen lassen vermuten, dass die Zahl der getöteten Radfahrer:innen steigen wird. Goebelt: „Seit der Corona-Pandemie ist der motorisierte Individualverkehr stark zurückgegangen. Derzeit fahren so viele Menschen Fahrrad wie lange nicht. Um diesen Trend langfristig zu stärken und dem veränderten Mobilitätsverhalten Rechnung zu tragen, muss sich die Verkehrssicherheitsarbeit der kommenden Dekade daher ausdrücklich Radfahrenden widmen. Maßnahmen zur Steigerung der Radverkehrssicherheit sind unumgänglich. Insbesondere mit Hinblick auf die steigende Anzahl der Verunglückten.“

Forderungen für das neue Verkehrssicherheitsprogramm Für das Verkehrssicherheitsprogramm

2021-2030 fordert der TÜV-Verband den gezielten Einsatz digitaler Technologien, zusätzliche Maßnahmen gegen gefährliches Fahrverhalten und den konsequenten Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer:innen. Die Anzahl der im Straßenverkehr getöteten Radfahrenden stieg seit 2010 um 16,8 Prozent an. Goebelt: „Schwächere Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer, ältere Menschen oder Zufußgehende werden noch zu wenig geschützt. Beispielsweise kommt europaweit jeder zweite getötete Radfahrende bei einer Kollision mit einem Pkw oder Lkw ums Leben. Große Hoffnungen setzen wir auf Fahrassistenzsysteme. Die EU-Verordnung ‚General Safety Regulation‘ sieht bereits vor, dass schwere Fahrzeuge verbindlich mit Abbiegeassistenten ausgestattet werden müssen: Ab 2022 gilt die Verordnung für neue Fahrzeugtypen und ab 2024 für alle Neuzulassungen. Ab 2024 dürfen also keine Lkw (über 3,5 Tonnen) und keine Busse (mehr als 9 Sitzplätze) ohne Abbiegeassistent mehr in den Verkehr kommen.“

Verkehrsplanung in Deutschland an der Vision Zero ausrichten

Goebelt: „Die EU-Kommission verfolgt bis 2050 das Ziel eines Europas ohne Verkehrstote. Die damit verbundene Strategie der ‚Vision Zero‘ sollte auch für Deutschland verbindlich sein. Straßenverkehr muss so sicher und fehlerverzeihend gestaltet werden, dass schwere oder gar tödliche Unfälle komplett vermieden werden. Insbesondere Kinder, ältere Menschen, Fußgänger und Radfahrer sind im Verkehrssystem großen Gefahren ausgesetzt. Fokus des Verkehrssicherheitsprogramms 2021-2030 muss daher der wirksame und vorausschauende Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer sein.“

Fahrzeuge werden dank moderner Technik immer sicherer, wichtig ist jetzt auch die konsequente Ausgestaltung der Infrastruktur: „Die Infrastruktur muss sichere Rahmenbedingungen für alle stellen. Egal, ob Kleinkind oder Rentner. Das fängt bei sicheren Möglichkeiten, die Straße zu überqueren an. Wichtig ist auch ein durchgängiges Radverkehrsnetz in hoher Qualität. Das schafft direkte Verbindungen und fördert so einen leichten, sicheren und flüssigen Radverkehr“, sagt Goebelt.